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Vogel-Azurjungfer - Coenagrion ornatum (SELYS, 1850)
Artenprofil von Heide Gospodinova & H.-Willi Wünsch
Letzte Änderung: 07.03.2014


Systematische Einordnung

Stamm: Gliederfüßer (Arthropoda)
Klasse: Insekten (Insecta)
Ordnung: Libellen (Odonata)
Familie: Schlanklibellen (Coenagrionidae)

Fotos (© H. Gospodinova & H.-W. Wünsch)
Stemwede (NRW) bei Osnabrück


(xxl-Foto)
Männchen
06.06.2012

(xxl-Foto)
Männchen
06.06.2012
 
Klick auf die kleinen Bilder oder xxl-Ansicht möglich

(xxl-Foto)
Weibchen
06.06.2012

(xxl-Foto)
Weibchen
08.06.2012
 
Besondere Merkmale

Insekten-ABC, Erklärungen von Fachbegriffen

Die Männchen der Vogel-Azurjungfer wirken im Vergleich zu anderen Azurjungfernarten relativ kräftig und sind, aus der Nähe betrachtet, an ihrer namensgebenden Zeichnung auf dem 2. Hinterleibssegment, die einem Vogel mit aufgerichteten Schwingen ähnelt, zu erkennen.



Vogel-Azurjungfer - Rückenansicht: oben Männchen, unten Weibchen (Fotos © H.-W. Wünsch, Stemwede)

Die folgenden Abdominalsegmente weisen schwarze Spießflecken mit in der Mitte langgezogenen Spitzen auf. Ein weiteres sicheres Bestimmungsmerkmal ist die Form der Hinterleibsanhänge.
Die Männchen können leicht mit der Helm-Azurjungfer (Coenagrion mercuriale) verwechselt werden, die jedoch um einiges zierlicher sind.



Vogel-Azurjungfer - Seitenansicht: oben Männchen, unten Weibchen (Fotos © H.-W. Wünsch, Stemwede)

Die Weibchen der Art wirken ebenfalls auffallend robust. Die postokularen (hinter den Augen) Flecken weisen bei beiden Geschlechtern im hinteren Teil eine deutliche Verzahnung auf. Das schwarze Zeichnungsmuster ihres Hinterleibs lässt im Unterschied zu anderen Coenagrion-Arten etwa das halbe Segment frei und endet, vor allem auf den mittleren Segmenten, nach vorne mit drei Spitzen.



Tandem der Vogel-Azurjungfer mit grün gefärbtem Weibchen (Foto © H.-W. Wünsch, 06.06.2012, Stemwede, xxl-Foto per Klick)

Vogel-Azurjungfer-Weibchen durchlaufen bis zur Geschlechtsreife ein breites Farbspektrum. Frisch geschlüpft sind sie braun bis kupferfarben gefärbt. Diese Färbung geht später in eine bläulich rosafarbene oder in ein gelbliches Grün über.



Rosa Färbung (Weibchen) im Vogel-Azurjungfer-Tandem (Foto © H.-W. Wünsch, 07.06.2012, Stemwede, xxl-Foto per Klick)

Eine häufige Farbvariante der erwachsenen Weibchen ist ein kräftiges Blau.



Tandem der Vogel-Azurjungfer mit blau gefärbtem Weibchen (Foto © H.-W. Wünsch, 06.06.2012, Stemwede, xxl-Foto per Klick)

Eine zweifelsfreie Bestimmung sollte bei allen Azurjungfer-Weibchen jedoch anhand der Form des Hinterrandes der Vorderbrust (Pronotum) mittels einer Lupe vorgenommen werden.

Gesamtlänge: 30-31 mm; Hinterflügellänge: 17-24 mm

Lebensraum
Als typische Fließgewässerart lebt Coenagrion ornatum an schmalen bis mäßig breiten, verschlammten Wiesenbächen und -gräben, sowie in Niedermooren und Quellgräben mit geringer bis mittlerer Fließgeschwindigkeit. Bei den sehr wenigen aktuell bekannten Vorkommen handelt es sich oft um anthropogene (vom Menschen geschaffene) Lebensräume. Die Vogel-Azurjungfer bevorzugt hierbei offene Landschaften wie Wiesenbrachen und Flächen, die einer regelmäßigen Mahd unterzogen werden. Die Vegetation an Bächen und Gräben sowohl unter als auch über Wasser sollte dabei stark entwickelt sein.



Frisch geschlüpftes Weibchen der Vogel-Azurjungfer (Foto © H.-W. Wünsch, 06.06.2012, Stemwede, xxl-Foto per Klick)

Wichtige Standortbedingungen eines geeigneten Lebensraumes sind das Vorkommen von Wasserpflanzen wie dem Wasser-Ehrenpreis (Veronica beccabunga), dem Aufrechten Merk (Sium erectum) oder der Wasserminze (Mentha aquatica), da die Weibchen ihre Eier an diesen Pflanzen ablegen. Die Wassertiefe der Gräben und Bäche sollte eine Höhe von 30 cm nicht überschreiten. Die Vogel-Azurjungfer lebt oft mit der Helm-Azurjungfer (Coenagrion mercuriale) vergesellschaftet, da diese Art ähnliche Ansprüche an die Vegetation stellt.
Ferner muss eine ausreichende Licht- und Wärmezufuhr gewährleistet sein. Besonnte Gewässer werden deshalb bevorzugt und schattige Bereiche werden von Coenagrion ornatum gemieden.

Biologie und Lebensweise
Die Flugzeit der Vogel-Azurjungfer ist sehr kurz. Die ersten Tiere schlüpfen je nach Witterung etwa Mitte Mai. Die Hauptabundanz (Häufigkeit der Individuen) liegt im Monat Juni. Bereits ab Mitte bis Ende Juli ist die Art wieder verschwunden.
Die ersten Imagines kann man am späten Vormittag in den Brachwiesen bei der Jagd beobachten. Als wärmeliebende Kleinlibellenart liegt ihre Hauptaktivität in der Mittagszeit. Zu dieser Zeit werden die Gewässer von den Männchen aufgesucht, die dann auf paarungswillige Weibchen warten.



Kopula der Vogel-Azurjungfer (Foto © H.-W. Wünsch, 07.06.2012, Stemwede (NRW), xxl-Foto per Fotoklick)

Nach der Paarung, die im klassischen Paarungsrad erfolgt, geht das Weibchen zur Eiablage über. Hierbei wird es in der Regel vom Männchen begleitet. Einzelne Weibchen bei der Eiablage stellen Ausnahmen dar. Während der Eiablage verhalten sich die Pärchen recht unauffällig und sind in der dichten Vegetation kaum zu entdecken. Bei der eigentlichen Eiablage können die Paare sogar vollständig untertauchen.



Unterwasser-Eiablage der Vogel-Azurjungfer (Foto © H.-W. Wünsch, 07.06.2012, Stemwede (NRW), xxl-Foto per Fotoklick)

Die von den Autoren beobachteten Eiablagevorgänge unter Wasser hatten eine Dauer von etwa 15 Minuten pro Tauchgang. Der Aufenthalt unter Wasser kann von den Tieren jedoch zeitlich noch ausgedehnt werden. Über die Entwicklung der Larven und deren Biologie ist aufgrund der Seltenheit der Art noch wenig bekannt.

Nahrung
Nach Beginn der Aktivitäten am Vormittag jagt die Vogel-Azurjungfer in intensivem Suchflug über Wiesen und Feldern nach allerlei Kleinorganismen. Dabei werden kleine Mücken und Fliegen im Flug erbeutet und anschließend in der Vegetation ruhend verzehrt. Weitere Nahrung stellen Kleinschmetterlinge, Stein- und Köcherfliegen dar. Auf Blättern und Blüten sitzende Blattläuse werden von den Vogel-Azurjungfern in großen Mengen "abgepflückt".

Verbreitung in D/Welt
Coenagrion ornatum gehört zur ostmediterranen Refugialfauna (= mediterrane Faunenelemente). Von ihrem einst wahrscheinlich zusammenhängenden Verbreitungsgebiet in Mitteleuropa sind in neuerer Zeit nur noch sehr wenige Habitate verblieben. Als Hauptverbreitungsgebiet wird Südosteuropa, die nördlichen Balkanländer, wie Ungarn, die Tschechische und Slowakische Republik angegeben. Von den Nachbarländern Deutschlands waren Funde aus der Schweiz und Südostfrankreich bekannt. Ein isolierter Fundort der heute nicht mehr existiert, lag in Italien, bei Foggia, im nördlichen Apulien. Dort, wo die Vogel-Azurjungfer gefunden wurde, trat sie niemals häufig auf. Heute gilt die Art in Österreich und der Schweiz als ausgestorben. In Deutschland gibt es noch einige wenige disjunkte (= Vorkommen in getrennten Teilarealen zwischen denen keine Populationsverbindung mehr besteht) Vorkommen.

Verbreitung in NRW
Die Vogel-Azurjungfer ist in Nordrhein-Westfalen extrem selten und eine echte Rarität. Es existieren an der Grenze zu Niedersachsen noch zwei bodenständige Populationen, die als instabil gelten. Letzte und aktuelle Kartierungsmaßnahmen ergaben an beiden Stellen eine Gesamtpopulation von etwa 70 Individuen. Coenagrion ornatum wird in der aktuelle Roten Liste für gefährdete Tierarten NRWs (2011) in der höchsten Stufe 1 = "vom Aussterben bedroht" geführt. Die Bedeutung dieser Libellenart wird auch dadurch herausgestellt, dass für sie in NRW ein eigenes Naturschutzgebiet ausgewiesen wurde.
Verbreitungskarte der Vogel-Azurjungfer des Arbeitskreises zum Schutz und zur Kartierung der Libellen in Nordrhein-Westfalen.

Benutzte Literatur
BELLMANN, H. (2007): Der Kosmos Libellenführer: Die Arten Mitteleuropas sicher bestimmen. Kosmos (Franckh-Kosmos). 279 S.

DIJKSTRA, K.-D. B. (2006): Field Guide to the dragonflies of Britain and Europe. British Wildlife Publishing Ltd. 320 S.

GERKEN, B. & K. STERNBERG (1999): Die Exuvien europäischer Libellen - The exuviae of european dragonflies. Höxter, Jena: Arnika & Eisvogel.

GLITZ, D. (2012): Libellen in Norddeutschland, ein Geländeschlüssel. Buch u. DVD.

HILL, B., H.-J. ROLAND, S. STÜBING & C. GESKE (2011): Atlas der Libellen Hessens. FENA Wissen, Band 1: 184 S.

HOLZINGER, W. E. & B. KOMPOSCH (2012): Die Libellen Kärntens. Natur Kärnten, Bd. 6; Naturwiss. Verein für Kärnten; 336 S.

JURZITZA, G. (2000): Der Kosmos-Libellenführer, Franckh-Kosmos Verlags GmbH & Co., Stuttgart

KUHN, K. & K. BURBACH (1998): Libellen in Bayern. Eugen Ulmer, Stuttgart. S. 176 ff

ROTE LISTE und Artenverzeichnis der Libellen - Odonata - in Nordrhein-Westfalen (2010): 4. Fassung, Stand April 2010, Arbeitskreis Libellen NRW - Klaus-Jürgen Conze, Nina Grönhagen unter Mitarbeit von Edgar Baierl, Andreas Barkow, Ludger Behle, Norbert Menke, Matthias Olthoff, Eva Lisges, Mathias Lohr, Martin Schlüpmann und Eberhard Schmidt - PDF

STERNBERG, K. & R. BUCHWALD (2000): Libellen Baden-Württembergs, Bd. 2, Großlibellen (Anisoptera). Ulmer Verlag. 534 ff.

WÜNSCH, H.-W. & H. GOSPODINOVA (2012): Die Libellen Nordrhein-Westfalens. CD-ROM, Band 1, Kleinlibellen, 4. aktualisierte Auflage.

WENDLER, A. & NÜß, J.-H. (1991): Libellen: Bestimmung, Verbreitung, Lebensräume und Gefährdung aller Arten Nord- und Mitteleuropas sowie Frankreichs unter besonderer Berücksichtigung Deutschlands und der Schweiz. - Hamburg: DJN 1991, 129 S.

WILDERMUTH, H. (2010): Waldlichtungen als terrestrische Habitate von Libellen (Odonata), ENTOMO HELVETICA 3: 7-24, PDF


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Weitere Informationen zu Libellen (Odonata) im Internet

Arbeitskreises zum Schutz und zur Kartierung der Libellen in Nordrhein-Westfalen: Infos, Kontakte, Fotos, Links, Artenliste

Schutzgemeinschaft Libellen in Baden-Württemberg e.V. (SGL): Infos, Kontakte, Fotos, Links, Artenliste, Kartierung, Biologie, Ökologie usw.


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